Zum Antibiotika-Einsatz in der Massentierhaltung

Zum Antibiotika-Einsatz in der Massentierhaltung   
von PETER BUTZ

Für die Humanmedizin wie für die Tiermedizin sind Antibiotika in vielen Bereichen von extremer Bedeutung. Aber große Sorgfalt ist geboten: Jede zusätzliche Anwendung erhöht das Risiko, dass die Krankheitserreger Resistenzen entwickeln.
Unstrittig ist, dass kranke Tiere behandelt werden müssen. Unstrittig ist aber auch, dass nicht nur in der Geflügelmast normalerweise die gesamte Herde, also alle Tiere in einem Stall, behandelt werden.
In der Wissenschaft wie insbesondere bei den Amtstierärzten gibt es seit Jahren warnende Hinweise auf den ständig zunehmenden Einsatz von Arzneimitteln in der Massentierhaltung. Nun haben offizielle Studien in Nordrhein-Westfalen und jüngst auch in Niedersachsen diese Warnungen bestätigt und die Öffentlichkeit mit Recht aufgeschreckt.
Für Niedersachsen ergibt die Statistik u.a.:
- bei Schweinen in 5 Monaten Mastdauer 3,4 Behandlungen

- bei Puten in 3 Monaten Mastdauer 10 (!) Behandlungen
- bei Hähnchen (Broilern) in 32 Tagen 2,3 Behandlungen 


Was sind die Ursachen für den massiven Einsatz der Antibiotika in der Hähnchenmast?
1. In der Broilermast werden die Haltungsbedingungen immer intensiver. Nun sind statt bisher 22 sogar fast 25 Tiere pro Quadratmeter erlaubt.
2. Die auf extremes Fleischwachstum gezüchteten Hybriden sind schon von ihrer speziellen Genetik her anfälliger als frühere Züchtungen und durch den dichten Besatz noch zusätzlich gefährdet.
3. Der übliche Hygienestatus in diesen Ställen ist ein weiterer Risikofaktor. Nach gängiger Praxis wird nur vor der Einstallung der Küken gestreut. Danach erhöht sich der Kotanteil in der Einstreu ständig, so dass am Ende der Mast die Tiere vornehmlich auf ihren Ausscheidungen stehen oder liegen.

Vergleiche hierzu die von uns veröffentlichten Ergebnisse der LAVES-Studie!
4. Möglich ist auch, dass Mäster bewusst auf Investitionen zur Verbesserung der Stallhygiene verzichten. Ihr Kalkül: Die bloße Investion in die Medikamente und den Tierarzt rechnet sich.
5. In den heutigen Tierfabriken fungieren die Tierärzte praktisch als Apotheke und verdienen am Antibiotikaeinsatz mit, möglicherweise noch gefördert durch die Rabatte der Pharmaindustrie.


Frau Aigner möchte die Pharmaindustrie verpflichten, Antibiotika-Mengen nach Postleitzahlen anzugeben. Wem nützt das wohl letztendlich?
Der Verbraucher erwartet eine möglichst betriebsgenaue Erfassung der eingesetzten Medikamente. Er ist in diesem Punkte seit längerem durch zwei wissenschaftliche Untersuchungen beunruhigt, die belegen:
- In der Abluft von Hähnchenmastställen sind auch Medikamentenreste nach-
  zuweisen, die durch den Wind in der Umgebung verbreitet werden.
- Beim Transport von Schlachtgeflügel wurden Medikamentenreste in (!) den 
  dahinter fahrenden PKWs nachgewiesen.

Die niedersächsische Statistik zum Antibiotika-Einsatz wurde Anfang Dezember 2012 vom Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium veröffentlicht.



Siehe auch Süddeutsche Zeitung vom 10.01.2012: "Die Hühner und der Saustall"

 

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