Feuilleton

 

Das Weltgericht

Heut tagt ein neues Weltgericht
da wird den Menschen bange -
denn neu in der Gericht-Geschicht
ist, was fällig wär schon lange:

Zum allerersten Male
spricht dort ein edles Tier;-
gerichtet wird nun hier,
in der Gerichtsfiliale,

des Menschen stetes Tun,
das große Schlachtgelage:
da wär er gern ein Huhn,
der Mensch, in dieser Lage.

                                              Holger Jürges,  2012
 


SATIRE

Unter der Überschrift "Fans wollen keine Hühnerbrust-Trikots" fanden wir im PROVIEH MAGAZIN vom September 2012 zum viel diskutierten Thema des neuen Sponsors Wiesenhof beim SV Werder Bremen  folgende Glosse:

(...) Höchste Zeit, hier einmal aufzuklären, was aufrechten Fußballfans an Industriehühnern nicht schmecken kann.

"Räume zu eng"
Fußball lebt von der Bewegung im Raum. Das Spielfeld im Weserstadion ist 105 Meter lang und 68 Meter breit, also 7.140 Quadratmeter groß. Auf dieser Fläche bewegen sich normalerweise 22 Spieler und ein Schiri - ziemlich artgemäß für Fußballer. Wollte man dort stattdessen Hühner mästen, und zwar ebenso artgemäß, würden zum Beispiel nach Neuland-Richtlinien höchstens 6.000 Broiler bei Werder auflaufen. Bei Wiesenhof und allen anderen industriellen Hühnermästern hocken stattdessen über 150.000 Hühner auf einem Fußballfeld. Wollte Werder die Räume in Zukunft ebenso eng machen wie der Sponsor, müssten sie 538 Spieler auf den Rasen stellen. Dagegen wäre selbst die Betonabwehr von Chelsea ein Samba-Tanzclub. Olé.

"Fußlahm und lauffaul"
Ein gesunder Fußballer legt im Schnitt eine Laufstrecke von acht bis neun Kilometer pro Spiel zurück. Ein gesundes Huhn läuft selbst im Stall knapp 1,5 km am Tag. Industrielle Masthühner dagegen laufen nur noch, wenn es gar nicht anders geht. Sie sitzen fast den ganzen Tag herum, wenn sie nicht gerade fressen oder trinken. Entzündete Fußballen und durch das unproportionierte Körperwachstum überlastete Gelenke schmerzen die Broiler so sehr, dass sie jede unnötige Bewegung vermeiden. Der Beweis kommt aus dem Mutterland des Fußballs: Englische Wissenschaftler mischten den Tieren Schmerzmittel ins Futter, und siehe da, diese bewegten sich wieder so fleißig wie gesunde Hühner. Um also ihrem Sponsor gerecht zu werden, sollten Spieler im Wiesenhof-Trikot sich einfach vor das Tor setzen und warten, dass der Schmerz nachlässt. Aua.

"Die Jugend verheizen"
Ein normaler Fußballer muss im Schnitt rund 18 bis 20 Jahre alt werden, um heranzureifen. Ein normales Huhn schafft das in drei bis vier Monaten. In der industriellen Hühnermast aber werden die Vögel in nur vier bis fünf Wochen auf Schlachtreife getrimmt und dann zerlegt. Dabei erreichen die jugendlichen Turbohühner ein Gewicht, wie es sonst nur ein dreimal so altes Normalo-Huhn auf die Waage bringen würde. Gesund ist das nicht, aber die übliche Leistungserwartung des Werder-Sponsors. Übersetzt man diesen Anspruch in die Bundesliga, so müßte Werder zukünftig schon seine G-Jugend gegen HSV & Co. anrollen und verheizen lassen, und zwar mit dem Kampfgewicht von Sumo-Ringern. Fett.

"Auf Leistung dopen"
Wer im Fußball nach dem Spiel in den Becher pinkeln muss, verantwortet lediglich die selbst eingeworfenen Medikamente. Auch beim SV Werder wäre undenkbar, dass Torwart Mielitz pharmazeutisch mit gepäppelt wird, weil den Innenverteidiger Sokratis Knieprobleme plagen. Beim Sponsor aus der Geflügelindustrie ist das anders. Hier bekommen alle Broiler im Stall Antibiotika verabreicht, wenn auch nur ein Tier feuchte Furze lässt. Das heißt dann "Metaphylaxe" und gilt nicht als verbotene Leistungsförderung. Wenn der SV Werder diese Praxis übernimmt, kann man sich die Dopingproben am Spielschluss schenken und gleich den ganzen Kader sperren. Krank.

"Viel Verletzungspech einkalkulieren"
(...) Pro Mast-Match wirft man (d.h. der Geflügelindustrielle) mindestens drei bis acht Prozent aller eingesetzten Hühner als "Abgang" in die Tonne. Sollte Werder das Verletzungspech an die Gewohnheiten seines Sponsors anpassen, werden zukünftig pro Saison 30 Spieler im Hühnerbrust-Trikot vom Platz getragen. Nein, nicht ins Krankenabteil. Tot. (...)

 

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